22. May 2020

Mein Weg in die Selbstständigkeit – ein Rückblick

„Du willst zu viel, Franziska!“ tönte es aus dem Mund eines Kollegen. Er sprach mit der Weisheit eines langjährigen Angestellten. Er stand kurz vor der Rente. Ich hingegen war voller Energie und im zweiten Arbeitsjahr nach dem Studium.

Ich jonglierte drei Projekte gleichzeitig und vorerst brauchte ich nur die Freiheit so weiterarbeiten zu können wie bisher. Aber nichts bleibt so, wie es ist. Es gab einen neuen Geschäftsführer und die Freiheit wurde prompt ersetzt durch eine zusätzliche Hierarchieebene sowie ein neues bürokratisches Regelwerk. Ich war frustriert und bekam den Satz „Du willst zu viel, Franziska.“ obendrauf geschenkt.

Rückblickend betrachtet lernte ich sehr früh, was schlechte Führung ist.

Du willst zu viel, Franziska!

Die Psychologie eines Satzes.

Es war nicht das einzige Mal, dass ich hörte, zu viel zu wollen. Über die Jahre veränderte sich der Satz und wurde zur Botschaft. Oft kam sie in Verbindung mit Machterhalt und der Sicherung von bestehenden Strukturen. Manchmal fand sie schweigend den Weg zu mir. Andere Male wurde sie mir offensiv entgegengeschleudert. Ich erinnere mich zu gut an den Ausspruch: „Hätte, hätte, Fahrradkette!“. Damals wurde meine Präsentation vor einem Gremium am Tag der Sitzung kurzerhand aus dem Programm genommen und die Info dazu bekam ich erst danach.

Meine persönliche Formulierung des Grauens wurde allerdings eine andere Aussage. Mich schaudert noch heute: „Ich in ihrem Alter hätte mich das nicht getraut.“. Damals ging es um den Wunsch einer Gehaltserhöhung, nachdem sich die männlichen Kollegen zu ihrer wohlverdienten Gehaltserhöhung lautstark beglückwünschten.

Die Gläserne Decke grüßte mich frontal und ein Ignorieren war nur schwer möglich.

Was tun mit der Ambivalenz?

Ich liebte die Sinnhaftigkeit meiner Jobs. Alle Projekte, die ich in Angestelltenzeiten geleitet habe, unterstützten die Bildung und die Weiterentwicklung. Das Projektmanagement fiel mir leicht und gerade deshalb war da das Bedürfnis nach mehr. Wer geht nicht gern abends zufrieden nach Hause? Meine Neugier mehr zu lernen und zu sehen, war in keinem der Projekte wirklich erreicht. Mein Frustrationspegel stand oft ziemlich hoch.

England Monitoring

Foto aus 2013 in einer Grundschule in Mittelengland: Meine glücklichsten Momente waren meine Reisen nach England und Irland, wo ich mit dem Auto von Handwerksbetrieb zu Handwerksbetrieb gecruist bin. Mich hat es begeistert, glückliche Azubis sowie die unterschiedlichsten Gewerke und Betriebe zu sehen. Ich habe soviel gelernt, wie es im Stuttgarter Büro nie möglich gewesen wäre.

In meiner Zeit als Angestellten beschäftigte ich mich die folgende Frage oft.

Was tue ich, wenn ...

… ich mein volles Potenzial im Job nicht nutzen kann, der Kern meiner Tätigkeit jedoch sinnstiftend ist?

… meine Tätigkeiten easy abarbeitbar sind und mich langweilen?

… Kollegen sich von meiner Geschwindigkeit und Kompetenz bedroht fühlen und ich in Folge verbal angegriffen werde?

… die Gespräche mit der Führungskraft eher zur Verkleinerung des Aufgabenspektrums führen als zu einer Vergrößerung?

… meine Möglichkeiten in andere Projekte „aufzusteigen“ als Frau eingeschränkter sind als die eines Mannes?

… der Arbeitsalltag insgesamt ziemlich dröge ist?

… es auf dem Markt keine attraktiven alternativen Stellenoptionen gibt?

Meine Lösung für eine lange Zeit war, auf dem Laufenden zu bleiben und mich weiterzubilden. Ich wurde zum Weiterbildungsjunkie und beschäftigte mich in Seminaren mit den Dingen, die mich faszinierten. Relativ früh realisierte ich dabei, die Selbstständigkeit ist meine Vision.

Welches Wissen ich mir aneignete

Keine meiner Ausbildungen war umsonst. :)

Besonders hilfreich waren für mich die drei Ausbildungen:

Weiterbildung 1: Jahrestraining GFK

Das Jahrestraining der Gewaltfreien Kommunikation von Marshall Rosenberg, bei dem ich oft auch an meine Grenzen kam. In meiner Welt lässt es sich nicht nur empathisch und bedürfnisorientiert kommunizieren und das ist gut so. Wo sollen sonst die außergewöhnlichen und fantastischen bewertenden Wörter unserer Sprache eingesetzt werden, wenn nicht in der Kommunikation mit anderen?

Gelernt habe ich viel. Ich weiß, was es heißt, empathisch zuzuhören und Gesagtes so wiederzugeben, dass mein Gegenüber etwas damit anfangen kann. Meine Mails schreibe ich noch heute immer mit Blick auf Marshall Rosenberg. Sie sind nicht schwurbeliger geworden, sondern immer noch auf den Punkt – aber wir wissen ja, der Ton macht die Musik. :)

Weiterbildung 2: Coachingausbildung

Ähnlich bereichernd war meine zweijährige Coachingausbildung mit Schwerpunkt des systemisch-lösungsorientierten Coachings an der Führungsakademie Baden-Württemberg in Karlsruhe. Dort bekam ich Interventionsmethoden an die Hand, die über die empathische Kommunikation hinausgehen.

Ich las unglaublich viel spannende Bücher zum Thema – u. a. von Carl Rogers, von Steve de Shazer und Manfred Prior. Milton H. Ericksons Lehrgeschichten haben mir besonders imponiert.

Meine Lehrklienten lehrten mir Geduld. Die Abschlussarbeit, für die ich im Vorfeld zwischen den Themen Theater und Reitsport hin- und hergerissen war, wurde mit dem Titel Coaching im Reitsport meine erste Veröffentlichung.

Weiterbildung 3: Grundlagenkurs zum Visualisieren

Zum wohl nachhaltigsten Investment in meine Zukunft wurde der Onlinekurs von Cara Holland. Die Coachingausbildung hatte ich relativ frisch abgeschlossen, als ich auf Caras Kurs zu den Grundlagen des Visualisierens stieß. Ich hatte im Vorfeld schon Visualisierungen eingesetzt, kam jedoch mit dem eintönigen Stil der Bikablo-Bilderserie nicht so richtig zurecht. Ich wollte einfach mehr Können und wünschte mir Bilder, die mehr nach mir aussehen. Mit Caras Input eröffnete sich mir eine neue und mächtige Welt: die Kraft und die Macht der Bilder. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.

Ich war motiviert wie nie und meine nächsten Tage, Wochen und Monate kritzelte und zeichnete ich ständig. Es begann eine Testphase für den Einsatz von Visualisierungen in meinen Workshops, fürs Projektmarketing und in Präsentationen. Es gab nichts, was ich nicht versucht habe zu visualisieren. Es verging kein Tag, an dem ich nicht den Stift in die Hand nahm und übte. Ich wurde in erster Linie von meinen Projektpartnern und Auszubildenden bestärkt weiterzumachen, denn bei Seminaren war eine andere Form der Interaktion im Raum und in der Kommunikation war plötzlich viel mehr Leichtigkeit.

Arbeitsblatt Nachbereitung England

Foto: Ein in 2016 erstelltes Arbeitsblatt.

Wieder wollte ich viel lernen und Wissen generieren, aber zu viel war es nie.

Ich will noch mehr und was kommt nun?

Irgendwann kann auch die beste Weiterbildung nicht mehr ausgleichen, was sonst fehlt. Ich war es leid, meine Lebenszeit in einem Umfeld zu verbringen, das mir gar nichts mehr gab außer Langeweile und Frust. Mein Wunsch nach Autonomie und Sinnhaftigkeit überstrahlte mein Bedürfnis nach einer sicheren Festanstellung.

Die Vorzeichen standen gut und ich war bereit für einen Start ins Ungewisse. Ich kündigte und da war sie nun: die Selbstständigkeit. Vor drei Jahren ging ich Ende Mai nach der Arbeit nach Hause mit dem Bewusstsein, nicht noch einmal hingehen zu müssen. Den Moment der Kündigung habe ich nie bereut.

Wie es mir in den ersten zwei Jahren der Selbstständigkeit erging, liest du im Blogartikel. Mittlerweile ist das dritte Jahr vergangen. Es gibt sie noch die Höhen und die Tiefen. Es gibt ständig etwas zu tun, zu lernen und zu verbessern. Die Entwicklung als Unternehmerin scheint nie vorbei und gefühlt stehe ich noch ganz weit vorn am Anfang. Allerdings ist sie noch genauso da, wie am ersten Tag: die Zufriedenheit mit dem, was ich täglich tue.

Arbeitsblatt Nachbereitung England Foto: Arbeiten lässt es sich jetzt von überall. Spaziergang während einer winterlichen Workation an der Ostsee.

Eins habe ich in der Zeit gelernt: Es gibt kein zu viel! Die unternehmerische Vision kann gar nicht groß genug sein und „viel wollen“ ist ein bedeutender Teil davon.

Mit diesem Beitrag zu Michaela Schächners Blogparade feiere ich das „Groß Denken“, meine frisch begonnene Mitgliedschaft in der Sympatexter Akademy sowie mein drittes Jahr als Solopreneurin.

Let‘s be strong together. :)